Episode 10: Man muss auch gönnen können



Man muss auch gönnen können

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist beabsichtigt. Jegliche Namen sind frei erfunden.

Man muss auch gönnen können. Oder wie der Kölner so schön sagt: „Mer muss och jünne könne!“ Ich mag keine missgünstigen Menschen. Was bringt das? Natürlich frage ich mich manchmal „Warum hat die blöde Kuh den Job bekommen und ich nicht? Ich bin doch viel besser als sie!“, aber dabei bleibt es dann auch. Der Kunde wird seine Gründe gehabt haben, warum er sie und nicht mich engagiert hat. Und das ist okay. Man kann nicht immer die Allroundlösung für alles sein. Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, weiter machen. Zu viele negative Gedanken, warum, wieso, weshalb, helfen nicht, wenn man versucht positiv durch´s Leben zu gehen und den nächsten Job mit genau dieser Einstellung an Land zu ziehen. Im besten Fall hat dem Kunden deine Nase, dein Outfit oder deine Frisur nicht gepasst. Im schlimmsten Fall, hast du es selbst versemmelt: du warst nicht ausreichend vorbereitet, zu nervös, hast deinen Text vergessen, warst unkreativ oder unspontan. Okay. Kann passieren – Haken dran. Wenn du in deinen Augen alles richtig gemacht hast, kann ich die Frage „Warum sie und nicht ich?“, verstehen. Wenn du allerdings den Job bekommen hast und trotzdem neidisch bist, weil eine andere ebenfalls den Job an Land gezogen hat, sorry, aber dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ihr habt wahrscheinlich auch gerade keine Ahnung, wovon ich rede.

Also anfangen, wo es anfängt. So passiert, Ende letzter Woche. Ein freundlicher und sehr sympathisch wirkender Mann, Ende 50, öffnet mir die Tür zu seinem Tonstudio. Achim sein Name. Heute auf dem Plan: ein Werbespot für´s Internet. Die Idee dahinter: eine junge Mädelsgang skatet an der Strandpromenade entlang. Die Sonne scheint, sie haben Spaß, genießen die Freiheit und erfrischen sich abschließend mit ihrem Lieblingseis. Die Sonne geht unter, fertig, aus. 40 Sekunden im Kasten. Keine große Sache. Eigentlich. Wenn da nicht Annette und Christina wären. Die Beiden wurden, genau wie ich, für diesen Job von der Werbeagentur, die für den Eishersteller arbeitet, ausgewählt. Wir befinden uns also nicht in einer Castingsituation. Ich betone noch einmal: es geht heute nicht darum, die anderen Mädels auszustechen. Die feste Zusage gab es bereits für alle Beteiligten vor einigen Wochen. Ich gehe also rein in das wunderschöne Altbaustudio und begrüße, neben dem Studiokater Paul, auch Annette und Christina. Während ich mir ein Wasser einschenke und Christina und Achim noch ein paar Formalitäten im Büro klären müssen, habe ich die Gelegenheit mit Annette ein wenig zu smalltalken. „Cooles Studio, das gefällt mir! Warst du vorher schonmal hier?“, schießt es beeindruckt aus mir heraus. Annette steht da, ihr Arme vor der Brust verschränkt und antwortet mit einem süffisanten Lächeln „Äh, ja. Schon oft. Und auch schon für die Firma!“ Okay. „Hoffentlich normalerweise mit besserer Laune.“, verkneife ich mir. Dieses Talent innerhalb von fünf Sekunden und nur einem kleinen Satz, deinem Gegenüber zu zeigen, wie unzufrieden, schlechtgelaunt und scheiße du bist. Wow. Als nach einer kurzen Besprechung mit der Agentur, die mittlerweile eingetrudelt ist, klar wird, dass ich die „Hauptrolle“ sprechen soll – ihr kennt Werbespots, da spricht keiner viel mehr als fünf Sätze – ist die Laune am Boden. Also eigentlich nur die Laune von Annette und Christina. Während sich Zweitere noch einigermaßen unter Kontrolle hat und einfach ein beleidigtes Gesicht zieht, fängt Annette an zu feilschen. „Können wir die Sätze nicht etwas gerechter aufteilen? Ich könnte ja einfach den Schluss von Katharina übernehmen, ich glaube das würde mehr Sinn machen!“ – Nicht ihr Ernst?!? Sie möchte wirklich einer renommierten Werbeagentur erzählen, wie sie ihren Job zu machen haben. Das muss man sich auch erstmal trauen. Und obwohl ich direkt neben ihr Sitze, sägt die unzufriedene Annette an meinem Stuhlbein und versucht mir meinen Text zu klauen. Not bad. Der Chef der Werbeagentur versucht die Stimmung zu retten, indem er vorschlägt, erst einmal alles so, wie geplant, und später dann eventuell noch Varianten aufzunehmen. „Ich kann auch länger bleiben, ich hab heute sowieso nichts mehr vor!“, schießt es aus Annette heraus und ich muss mir mein Grinsen verkneifen. Betretene Blicken zwischen Achim und Agenturchef und die erlösende Aufforderung „So, dann lasst uns mal anfangen!“. Drei mal dürft ihr raten, wer als Erste in der Sprecherkabine steht… Annette. Sie hat sich gleich den besten Platz gesichert und kommuniziert das auch. Mir ist völlig egal, wo ich stehe und wieviele Sätze ich spreche. Hört sich vielleicht ein bisschen unleidenschaftlich an, aber ich bekomme das gleiche Geld, egal ob ich hier heute alle Sätze übernehme oder im Endeffekt komplett aus dem Spot rausgeschnitten werde. Ich liebe meine Sprecherjobs, über zu wenig Leidenschaft hat sich noch kein Kunde beschwert, aber vor allem habe ich keinen Bock auf Zickereien und Machtspielchen. Also stelle ich mich brav auf den mir von Annette zugeteilten „schlechtesten“, der drei vorhanden Mikrofonplätze, ich weiß zwar nicht, was an ihm schlecht sein soll, aber sie wird es besser wissen, und setze meine Kopfhörer auf.

Annette hat eine großartige Stimme, das muss ich ihr lassen. Sie weiß, was sie tut. Zumindest am Mikro. Ob ihr klar ist, wie ihre Attitüde bei ihren Mitmenschen ankommt, wage ich zu bezweifeln – sie kann es einfach nicht lassen. „Ähh, ich hätte da einen Vorschlag. Wenn ich ganz am Anfang Katharina´s Satz übernehmen würde und sie mir einfach nur mit so einem leisen „Mmhh“, zustimmt, glaube ich, macht die ganze Story viel mehr Sinn! Sollen wir das mal probieren?“ Stille. Die gestandenen Herren hinter der Scheibe, wissen wohl auch nicht so Recht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. „Annette, gute Idee. Wir nehmen das jetzt trotzdem erst einmal so auf, wie es auf euren Zetteln steht, und später dürft ihr gerne etwas freier spielen.“ Wie diplomatisch. Das Ende vom Lied: Annette versucht ungelogen noch mindestens zehn mal dem Agenturchef die Regie aus der Hand zu nehmen, weiß alles besser und gibt Christina und mir unaufgefordert Tipps, zu unserer Arbeit. Kann man sich noch unsympathischer geben? Dem Agenturchef ist das Ganze offensichtlich mittlerweile auch zu blöd. Er nimmt sein Angebot vom Anfang, die Rollen zu tauschen, zurück und wirft der nervigen Annette eiskalt an den Kopf: „Ich hab mir das noch mal überlegt. Wir wollten von Anfang an Katharina dafür haben und dabei bleibt es. Die Aufnahmen sind perfekt. Wir brauchen keine Varianten.“ Dass sie nicht anfängt zu heulen, ist alles. Es dauert keine zwei Minuten und sie verlässt mit einem knappen „Tschüss“ das Studio. Nicht gerade professionell. Und wie kann man nur anderen so wenig die Butter auf´m Brot gönnen? Sie wurde genauso wie ich für den Job gebucht. Sie hat eine super Stimme. Wo ist ihr scheiß Problem?

Mein Fazit aus der Nummer: Sei nie, nie, niemals missgünstig. Es bringt einfach nichts. Menschen, die anderen Menschen ihren Erfolg nicht gönnen, sind Looser. Hört sich hart an, ist aber so. Glaubt ihr, dass ein erfolgreicher Macher, der zufrieden mit sich, seinem Dasein und seinem Job ist, einem Kollegen etwas nicht gönnt? Ihn sogar schlecht macht? Nächtelang bei allen sozialen Netzwerken recherchiert, wie man ihm irgendwie Schaden zufügen könnte? Nein. Dafür hat er überhaupt keine Zeit. Weil er ein Macher ist. Weil er sich mit sich selbst und seinen Zielen beschäftigt. Bist du ein Looser, der sich durch den Erfolg Anderer runterziehen lässt, vergeudest du Zeit mit unwichtigen, missgünstigen Gedanken. Lass das. Es schadet nur. Deine Zeit wird kommen, ganz egal, wer in deinem Umfeld Erfolge feiert oder nicht. Wenn jemand dich haben will, dann will er dich haben. Wegen dir. Wegen deiner selbst. Bist du missgünstig und äußerst das auch noch in der Öffentlichkeit, weiß jeder Bescheid, dass du mit dir und deinem Leben unzufrieden bist. Das will man doch nicht. Meine Devise: Man muss auch jönne könne, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Oder Annette, was meinst du dazu?

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