Episode 09: Meine Stimme, mein Kapital



Meine Stimme, mein Kapital

Meine Stimme, mein Kapital. Deine Stimme, dein Kapital. Nicht? Doch! Auch wenn es dir im ersten Moment nicht einleuchten will, aber ich bin ernsthaft fest davon überzeugt. Deine Stimme, dein Kapital.
Ich war letzte Woche auf einem Casting für einen Werbespot. Irgendein riesengroßer Autokonzern will mal wieder moderner, jünger, hipper werden. Das Ziel: coole Mädels und Jungs zwischen 17 und 25 anzusprechen. Die alten Knacker mit viel Kohle werden ausgeklammert. Für die werden andere Spots gedreht. Für die werden andere Autos gebaut. Mit ordentlich Platz für Rollator, Rollstuhl und Aussteighilfe. Man bin ich froh, dass ich noch für die hippen Spots angefragt werde und nicht schon für den gediegenen Altherren-Spot herhalten muss. Note to myself: die Antifaltencreme, die im Regal liegt, aus reiner Faulheit nie genutzt wird, wirkt.
Jedenfalls: Casting. Was man da machen muss? Ich setze mich in ein Auto, dass kein Auto ist. Das Auto steht in einem Fotostudio, dass kein Fotostudio ist. Und ich flirte übermäßig verknallt mit meinem neuen Lover, der nicht mein neuer Lover ist, der das Auto steuert, das kein Auto ist. Verstanden? Und dafür war ich also auf der Schauspielschule. Ah ja. Ein Büroraum, zwei Stühle, ein männliches Model, ich und die Vorstellungskraft in einem total hippen, modernen, coolen Auto zu sitzen, ins Grüne zu fahren und übermäßig verknallt zu sein. In dieses männliche Model, das ich bis vor zwei Minuten noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Läuft.
Eigentlich geht es aber gar nicht um das Casting. Sondern um das Mädel am Empfang. Die Tresendame, die Telefonistin, die Kaffeekocherin, die Begrüßerin halt. Oder wie man heute ganz modern und hip und fancy sagt: das Best-Girl. Ich komme also um fünf vor irgendwas in diesen Laden. „Hallo, ich bin Katharina Lichtblau. Ich hab gleich einen Termin zum Casting bei euch.“ Ich strecke mein Hand aus, um das Best-Girl gebührend zu begrüßen. Erster Eindruck und so, zählt ja. Dass ich ihre Hand fast zerquetsche, war nicht so geplant und tut mir schrecklich Leid. Ganz schön zerbrechlich die Kleine. Und obwohl sie mindestens 30 ist, mit beiden Augen zugedrückt, begrüßt sie mich mit der Stimme einer sieben Jährigen. Dazu ein kleiner, feiner S-Fehler und dieser Händedruck, der mit dem Wort Druck überhaupt nichts zu tun hat. „So, dann seh ich mal nach, ob die Anderen schon so weit sind. Ansonsten setz dich einfach erstmal auf´s Sofa und warte noch sechs bis sieben Minuten. Dann sind sie sicher fertig. Saft? Oder Wasser?“ Alter Verwalter. Kennt ihr das? Menschen, die man nicht für voll nehmen kann? Ich versuche immer rauszufinden woran das liegt und in den meisten Fällen hat es etwas mit der Stimme zu tun. Gerne auch mal mit einem der vielen unmöglichen Dialekte – schwäbisch und sächsisch stehen da weit oben auf meiner Liste. Aber es reicht schon eine piepsige Stimme aus, damit dein Gegenüber merkt: Ich fühle mich gerade extrem unwohl, bin unsicher, weiß nicht, was ich sagen soll und will einfach nur weg hier. Dein Gegenüber kann deinen Angstschweiß förmlich riechen. Und schon sind wir wieder beim Thema: meine Stimme, mein Kapital. Deine Stimme, dein Kapital. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob du deine Stimme Natalie Portman, Jennifer Lawrence oder Kate Winslet für die deutsche Synchronfassung ihrer neuesten Filme leihst. Du brauchst keine Hörspiele, -bücher, Radiospots oder Fernsehwerbung vertonen, um von deiner Stimme zu leben. Deine Stimme gehört zu dir. Und sowohl privat, als auch beruflich, kann sie dich so viel weiter bringen. Deine Stimme spiegelt deine Verfassung wieder. Sprichst du leise, kraftlos und hoch strahlst du etwas völlig anderes aus, als wenn du deutlich, stark und aus dem Bauch heraus sprichst. Deine Stimme verrät dich, wenn du lügst. Deiner Stimme hört man an, wenn du traurig, fröhlich oder wütend bist. Und das ist bei jedem Menschen das Gleiche. Wenn ich im Studio stehe, liebe ich es mit meiner Stimme zu spielen. Nervige, hinterhältige Tussis, taffe Bikerinnen, verzweifelte Opfer, das liebe Mädchen von nebenan oder starke Heldinnen. Alles Charaktere, die du allein mit deiner Stimme formen kannst. Aber das geht nicht nur im Tonstudio, sondern auch im echten Leben. Wenn deine Stimme ehrlich klingt, verkaufst du alles. Egal ob das dein Partner ist, dem du weiß machen willst, dass du den ganzen Tag wahnsinnig fleißig gepaukt hast, obwohl du eigentlich im Bett lagst und Netflix and Chill deine besten Freunde waren oder ob du deiner Kundin im Plattenladen den neuesten Scheiß verkaufen willst. Klingst du ehrlich, glaubt dir jeder. Vertraut dir jeder. Und nimmt dich jeder für voll. Wenn ich als selbstständige Frau ein Produkt an den Mann kriegen will, und damit meine ich wirklich den Mann und nicht die Frau, muss ich überzeugen. Männer muss man immer mehr überzeugen, als Frauen. Und wie schaffe ich das? Mit Selbstbewusstsein. Mit Stärke. Wenn ich als piepsiges Mäuschen versuche mich selbst als Moderatorin, Sprecherin oder auch Fotografin zu verkaufen, will mich keiner haben, wenn ich meinem Gegenüber das Gefühl gebe, dass ich nicht die Richtige für den Job bin. Und das tue ich, indem ich nicht klar und deutlich, selbstsicher und stark auftrete. Wenn ich selbst von meinem Können nicht überzeugt bin, wie sollen es dann die Anderen sein? „Ähm ja, du kannst mich schon buchen, aber wahrscheinlich gibt es Kompetentere und Bessere, als mich.“ Wenn ich das ausstrahle, sorry, aber dann würde ich mich selbst auch nicht für den Job haben wollen. Also: Beide Beine fest auf den Boden. Nicht Kippeln, nicht Wackeln, nicht die Füßen überkreuzen. Brust raus, Kopf gerade und Stimme tief. Natürlich nur so tief, wie es zu dir passt und wie du dich wohlfühlst. Wir wollen ja kein Laienschauspiel aufführen. Aber ich bin mir sicher, deine Umwelt wird dich anders wahrnehmen. Sie werden an deinen Lippen hängen. Und dich viel ernster nehmen, als zuvor. Probier´s aus. Deine Stimme, dein Kapital.

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