Episode 07: Heute wegen gestern geschlossen



Heute wegen gestern geschlossen

Manchmal bin ich faul. Schreibfaul. Ich wusste bereits letzten Mittwoch, dass ich diesen Mittwoch eine neue Kolumne am Start haben muss. Ich habe ein Thema und 1000 dazugehörige Ideen im Kopf – daran hapert es nicht. Mein Gehirn hat alles schon fertig konstruiert. Ich muss es nur noch zu Papier bringen. Oder in die Tastatur hämmern, ist ja das Gleiche. Aber wann setze ich mich dran? Dienstag Abend um 11. So auch gestern. Ich brauche immer jemanden, der mir eine Deadline setzt. Da ich keinen Chef habe, der dies tut, bin ich selber diejenige, die mich unter Druck setzt. Ohne feste Ziele, kommt man nicht weiter. Ich glaube, das geht den meisten so. Wenn du weißt, dass du am Mittwoch einen Abgabetermin hast, egal was für einen, hast du das Zeug nicht am Freitag zuvor fertig. Außer es macht extrem Sinn. Wenn es allerdings keinen Sinn macht, wirst du am Mittwoch mit deiner Arbeit fertig. Warum auch nicht? Ich kenn mich und weiß, dass ich so bin. Für mein Abi habe ich zwei Wochen vorher angefangen zu lernen, während die meisten anderen meiner Kollegen sich bereits Monate zuvor das Zeug eingeprügelt haben. Ich bin einfach ein Deadline-Mensch. So saß ich also auch gestern Abend da, hab die letzten Tage Revue passieren lassen und wollte meine Gedanken zum Thema Nummer Eins in dieser Woche runter tippen. Dinge die mir in meinem Berufsalltag helfen. Ein Paar Tipps. Banalitäten. Wenn am gleichen Morgen allerdings unschuldige Menschen in Brüssel ihr Leben lassen müssen, wird alles Andere einfach nur nichtig. Man ist sprachlos. Obwohl über nichts Anderes geredet wird, fehlen einem die Worte. Nach Paris, Beirut, Istanbul, Ankara und vielen weiteren Städten, jetzt also Brüssel.
Krieg.
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, hatte Krieg vor allem immer mit “ganz weit weg” zu tun. Es ist so ähnlich, wie mit schlimmen Krankheiten. Die kriegt man nicht selbst. Die haben immer nur Andere. Solange bis man dann doch selbst betroffen ist. Wir sind betroffen. Der Krieg ist in Europa angekommen und ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis er auch auf vor meiner ganz persönlichen Haustür steht. In Deutschland. Kann ich dann auch so stark sein, wie die Menschen in Paris oder Brüssel? Die Menschen, die man am nächsten Tag bei N24 schon wieder im Café sitzen sieht und die ein Interview geben, in dem sie klar machen, dass sie sich ihr Leben nicht verbieten lassen? Wir sind modern, jung, haben Spaß und noch so unendlich viel vor. Das ist das, was wir uns nicht nehmen lassen sollten. Aber könnte ich das? Ich weiß es nicht. Wir werden es sehen. Ja, wahrscheinlich werden wir es sehen. Fakt ist, dass es mittlerweile eine Vielzahl von Menschen gibt, die nicht mehr die Möglichkeit haben sich entscheiden zu können, wie sie mit den Vorkommnissen umgehen. Gehe ich raus und biete dem Terror die Stirn oder verkrieche ich mich und gebe mich meiner Angst hin? Diese Frage stellt sich viel zu vielen nicht mehr. Ein ganz normaler Tag, wie jeder Andere. Du bist am Flughafen. Es macht Peng. Und es ist vorbei. Keine Wahl. Es ist nicht deine Schuld. Du warst einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht hast du dich gerade mit deinem Mann am Telefon über Nichtigkeiten gestritten. Vielleicht bist du frisch verliebt. Vielleicht hast du gestern deinem jüngsten Sohn eine Ohrfeige verpasst, weil er mal wieder nicht hören wollte. Vielleicht hast du gerade ein großartiges Jobangebot erhalten. Vielleicht bist du auf dem Weg zu deinen Eltern, die du viel zu lange nicht gesehen hast.
Vielleicht wolltest du noch so viel.
Zu spät.
An diesem Mittwoch bleibt heute wegen gestern geschlossen. Das Einzige was bleibt, ist mit dem Herzen bei allen Opfern und deren Angehörigen zu sein. Eine Weile in sich zu kehren. Nachzudenken. Und froh zu sein, dass wir noch da sind. Du, der diese Sätze liest. Und ich, der sie schreibt. Tun wir unser Bestes, dass es so bleibt.

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