Episode 02: Beruf Mensch



Beruf Mensch

Wenn man mich als kleines Mädchen gefragt hat, was ich einmal werden will, wenn ich groß bin, gab es, passend zu verschiedenen Lebensabschnitten, die unterschiedlichsten Antworten. 5-9 Jahre: Tänzerin. 10-12 Jahre: Grundschullehrerin. 13-15 Jahre: Hausbesetzerin. 16-19: Fotografin, Tischlerin, Schauspielerin, Maskenbildnerin, Casterin, Floristin oder einfach irgendwas mit Medien. Egal was. Und irgendwie ist es genau das geworden. Um 8:00 Uhr morgens im Wartesaal eines beliebigen Amtes, Papierkram ausfüllend, habe ich keine Ahnung, was ich bei der Spalte „Beruf“ eintragen soll. Das liegt weniger an der Uhrzeit, schon auch, aber sie ist nicht das Hauptproblem. Die Frage, die ich mir stelle ist: was mache ich? Und wie verdammt nochmal fasse ich das in eine aussagekräftige Stellenbeschreibung? Die Linie, die sich neben dem Wort „Beruf“ ihren Weg bahnt, über der sich leerer Raum befindet, ist eindeutig zu kurz um mein inneres Chaos wiederzugeben.
Moderatorin? Ja. Moderatorin ist richtig. Aber gelernt habe ich das nie. Also Schauspielerin. Das habe ich studiert. Drei Jahre. So darf ich mich nennen, sogar staatlich geprüft. Aber bin ich wirklich Schauspielerin? Verdiene ich damit meinen Lebensunterhalt? Ist es das, was ich will? Nein, mit „Schauspielerin” kann ich „Beruf“ nicht ernsthaft beantworten. Bleiben Fotografin, Hausfrau, Sekretärin, Köchin, Telefonistin, Modedesignerin, Maskenbildnerin, Sprecherin, Autorin… irgendwie bin ich das alles. Jeder Tag sieht anders aus. Ich habe gefühlte 1000 Interessen und Talente, die ich nicht verkümmern lassen will. Vielfalt ist Fluch und Segen gleichzeitig. Viele Ideen und Visionen zu haben, bedeutet immer auch rastlos zu sein. Nie anzukommen. Immer etwas Neues in Angriff nehmen zu wollen. Aber hey, wenn du mit Mitte 30 irgendwo angekommen bist und keine Träume, Ziele und Wünsche hast, hast du doch auch irgendetwas falsch gemacht, oder? Wer sagt mir, dass ich nicht an einem Tag Fotografin und am anderen Tag Synchronsprecherin sein kann? Ich kann das.
Ich will Abwechslung. Ich will Spaß an dem, was ich tue. Und wenn mir ein Beruf alleine nicht das gibt, was ich brauche, suche ich mir eben eine neue Beschäftigung. Aus Hobbys werden bei mir viel zu oft Jobs – das führt dazu, dass ich kaum Hobbys habe. Auf der anderen Seite besteht quasi mein ganzer Tag daraus meinen Hobbys nachzugehen. Habe ich also keinen Beruf? Bin ich faul? Wenn ich eins mit Sicherheit sagen kann: ich bin nicht faul. Und das unterschreibt wahrscheinlich jeder, der mich kennt. Aber ich gehe nicht morgens um 8:00 Uhr zur Arbeit und komme nachmittags um 17:00 Uhr wieder nach Hause. Ein bisschen durch die Stadt schlendern, ein bisschen kochen, ein bisschen fernsehen. Tag vorbei. Das gibt es bei mir nicht.
Alltag gibt es bei mir nicht. Es gibt Tage, da stehe ich um 6:30 Uhr auf – nicht gerne, aber ich mache es. An anderen Tagen schlafe ich gemütlich bis 10 und lass es ruhig angehen. Studentenleben lässt grüßen. Nur, dass ich keine Studentin bin. An solchen Tagen sitze ich dann aber auch gerne mal bis Mitternacht in unserem Atelier und feile an neuen Projekten und schlag mir die Steuer um die Ohren. Fakt ist: die Selbstständigkeit ist genau das Richtige für mich. Ich liebe es, das zu tun, was ich wirklich will und vor allem wann ich es will. Also schreibe ich „Selbstständig“ auf diesen dämlichen Zettel bei diesem dämlichen Amt. Ich weiß genau, dass es keine 2 Minuten dauern wird, bis mich irgendein Bürohengst fragt: „Selbstständig? Mit was?“ Mit dem Leben! Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Deutschen zwischen Beruf, Alltag, etlichen Pflichten und dem Gefühl, anderen Menschen alles Recht machen zu müssen, das Leben vergessen. Mal ganz ehrlich, wen interessiert´s wie meine Berufsbezeichnung lautet? Ich verdiene auf legalem Wege Geld. Hinterziehe keine Steuern und liege dem Staat nicht auf der Tasche. Reicht das nicht? Beruf: Mensch. Punkt Ende aus. Tu das, was dir gut tut. Dann geht es dir auch so.

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